Wir alle sind von einer Sehnsucht nach wilder Ursprünglichkeit
erfüllt.
Aber es gibt kaum ein kulturell akzeptiertes Mittel, das diese
Art von Heißhunger stillt. Man hat uns Scham vor diesem Verlangen
anerzogen und so haben wir gelernt, unsere Gefühle hinter langen
Haarmähnen zu verbergen.



Aber ein Schatten der Wilden Frau verfolgt uns bei Tag und auch
bei Nacht. Wo wir auch hingehen, ein Schatten trottet hinter uns
her - und immer einer auf vier Beinen.

Dr. Clarissa Pinkola Estés
Cheyenne, Wyoming





Nur wenn eine Frau die ihr anerzogene Rolle des Lieb - Nett -
und Angepaßtseins, des Gehorchens - Fügsamseins - des Sich-
unterordnens und Stillseins aufgibt kann sie aufwachen und
wieder "sehend" werden.



Was ist aus meiner Seele geworden?
Was in mir ist kaputt, abgestorben oder droht, abzusterben,
wenn ich so weitermache? Welche Grundbedürfnisse liegen
inzwischen begraben? Wie steht es mit meiner Beziehung zum
wilden, instinktiven Selbst?



Wann bin ich zum letztenmal frei und laut lachend einem
unbekannten Horizont entgegengelaufen?
Was sagt die Stimme meiner Seele in diesem Augenblick?
Singt sie die herrlichen Schöpfungshymnen oder verstummt sie
mehr und mehr? Wie mache ich das Totgeglaubte wieder lebendig
in mir, in meinem Haus und meiner Umwelt?



Wo ist die Wolfsfrau in mir? "Geht es ihr gut"?
Dann zuckt nichts mehr in unserem Innern zusammen und macht
sich plötzlich kleiner als es ist, wenn wir zum x-ten Mal
als verrückt, exzentrisch, versponnen, unangepaßt und komisch
bezeichnet werden, wenn irgend jemand uns mehr oder minder
subtil zu verstehen gibt, daß Frauen wie wir ihrer Gesell-
schaft zur Schande gereichen.



Frauen, die jemals in ihrem Leben als widerspenstig, aufmüpfig,
unhöflich, unverschämt, unverbesserlich und rebellisch
bezeichnet worden sind, sollten wissen, daß sie auf dem
richtigen Weg sind.



Die Wilde Frau steht direkt hinter Dir.


Clarissa Pinkola Estès "Die Wolfsfrau"